Das Sexocorporel-Konzept von Jean-Yves Desjardins (1931-2011+)

eine Zusammenfassung von Gitta Arntzen

Jean-Yves Desjardins geht in seinem Sexocorporel-Konzept davon aus, „dass Sexualität eine menschliche Kompetenz ist, die wir erlernen und verbessern können.“

Hirn-Körper, Körper-Hirn als untrennbare funktionale Einheit

Lange betrachtete man den „triebhaften unreinen Körper“ des Menschen als Widersacher des „reinen Geistes“ – und aus religiöser Sicht als Gefährdung des Seelenheils.

Bis heute hat sich ganz subtil in unserer Gesellschaft und auch in psychotherapeutischen Modellen eine vertikale Bewertung von Psyche „oben“ und einer horizontalen Bewertung von Sexualität „unten“ erhalten. Das hat zur Folge, dass sexuelle Probleme als primäre Symptome psychischer Konflikte bzw. Beziehungsstörungen verstanden werden, anstatt zunächst die tatsächliche sexuelle Realität/Kompetenz zu überprüfen. Im Sexocorporel werden diese Probleme als indirekte Kausalitäten bezeichnet. Wesentlich ist der direkte kausale Zusammenhang eines sexuellen Problems. So untersucht das Sexocorporel z.B. wie der Erregungsmodus, also die Art wie Menschen sich körperlich erregen, ihr sexuelles Erleben – ihre sexuellen Vorstellungen und Phantasien – beeinflusst.

Um differenziertere Aussagen machen zu können unterscheidet der Sexocorporel in einen expliziten Körper (den sicht – und bewegbaren Körper und die Sinnesempfindungen) und den implizierten Körper( die Wahrnehmungen, Emotionen und Gedanken).

Ein Modell sexueller Entwicklung

In der kindlichen Entwicklung wird keine Fähigkeit so vernachlässigt wie die der Sexualität. Während das Greifen, Laufen und Sprechen von elterlichem Zuspruch und Lob begleitet ist, rufen kindliche Erkundungen des genitalen Bereichs oftmals Irritationen oder unterschwellige Abwehr hervor.
Die menschliche Sexualentwicklung – der Sexualisierungsprozess – beginnt in der frühen Kindheit und begleitet uns ein Leben lang. Sie verläuft wie die Entwicklung der Motorik, Affektivität, Intelligenz und Sprache in vielen Lernschritten.
Dabei spielt die Hirnreife eine ebenso wichtige Rolle wie die Auseinandersetzung mit der Umwelt. Somit ist nicht nur die sprachliche und motorische Entwicklung von besonderer Wichtigkeit, sondern auch die Sensibilisierung und das Schulen der eigenen sexuellen Wahrnehmung.
So verknüpft sich z.B. der Erregungsreflex, der bereits vorgeburtlich festgelegt ist im Laufe der Entwicklung immer mehr mit motorischen, sensorischen, symbolischen, kognitiven und kommunikativen Funktionen. D.h., über genitales Lernen, über Wiederholungen festigen sich die Fähigkeiten und ermöglichen lustvolles agieren. Mit der Exploration des eigenen und des anderen Geschlechts entwickelt sich das Gefühl für die eigene Geschlechtszugehörigkeit und die Geschlechterdifferenz, während die gleichzeitig ablaufende Sozialisation Erfahrungen von privat und öffentlich, also Sexualität als Intimität mit sich und anderen ermöglicht.

Wie jede menschliche Entwicklung verläuft die Sexualentwicklung wellenförmig, d.h. sie entdeckt neu oder greift auf bereits erlernte Fähigkeiten zurück und knüpft an. Sie wird beeinflusst von der jeweiligen Lebensphase sowie veränderten körperlichen Gegebenheiten wie Krankheiten oder Behinderungen und muss sich anpassen.

Unterscheidung und Integration verschiedener Komponenten

Der Sexocorporel kennt verschiedene Komponenten und untersucht, wie sie das Ausüben und Erleben der Sexualität beeinflussen.
Während das biologische Geschlecht mit der Zeugung festgelegt ist, sind alle anderen Komponenten der Entwicklung unterworfen und reifen über persönliche und soziale Lernschritte.

Die Komponenten sind wie folgt aufgeteilt:

Physiologische Komponente

  • die Erregungsfunktion
  • die Erregungsmodi: archaisch, mechanisch, archaisch-mechanisch, ondulierend, wellenförmig
  • Sinnesempfindungen
  • biologische Basis: Gene, Hormone, Blutgefäße, Nervensystem usw.

sexodynamische/bzw. persönliche Komponente

  • sexuelle Lustfunktion, Gefühl der Zugehörigkeit zum eigenen biologischen Geschlecht, sexuelle Selbstsicherheit, sexuelles Begehren, sexuelle und emotionale Anziehungskodes, sexuelle Fantasien und Träume, emotionale Intensität

kognitive Komponente

  • Kenntnisse, Werte, Normen, Ideologien, Denkweisen, Idealisierungen, Mystifizierungen usw.

Beziehungskomponente

  • Liebesgefühl, Bindungsfähigkeit, Fähigkeit zu verführen, Kommunikation, erotische Kompetenzen

Im Sexocorporel wird für jede Komponente ein Modell sexueller Gesundheit und Funktionalität definiert, welches als Grundlage für die Evaluation dient.

  • Bei jedem/r KlientIn mit einem Anliegen wird zunächst die sexuelle Kompetenz, also seine/ihre Stärken herausgehoben um dann das Ziel, die Veränderung zu formulieren.
  • Alle Menschen befinden sich in einem sexuellen Prozess und sind mit Grenzen in ihrem sexuellen Erleben konfrontiert. Der Sexocorporel versteht dies nicht pathologisch sondern als Möglichkeit und Chance über eigene Begrenzungen hinaus zu wachsen.

Klinische Bedeutung der Unterscheidung eines Modells mentaler Gesundheit und eines Modells sexueller Gesundheit

Ein wesentliches Problem vieler Sexualtherapien ist die Unkenntnis bzw. die Vorbehalte über die Zusammenhänge zwischen mangelnden sexuellen Lernschritten (direkten Kausalitäten) und sexuellen Problemen der KlientInnen.

  • „Die Erregungsfunktion als Fundament unserer Sexualität ist die am wenigsten bekannte und evaluierte Funktion, obwohl sie in direktem Zusammenhang mit über 50% der sexuellen Probleme der KlientInnen steht.“
  • Klinische Erfahrungen zeigen mit aller Deutlichkeit, wie Störungen der Erregungsfunktion (Ejakulation präcox, Anorgasmien, erektile Dysfunktion etc.), des sexuellen Begehrens und zum Teil auch des Erlebens der Geschlechtsidentität mit Lernschritten auf der Ebene der Erregungsfunktion zusammenhängen.“

Diese Unkenntnis der direkten Kausalitäten führt zu einer Suche nach indirekten Kausalitäten wie Beziehungsproblemen, psychischen Konflikten, einer „schwierigen Kindheit“ oder sexuellen Übergriffen, in der Erwartung, dass sich nach einer Behandlung dieser Hindernisse die sexuellen Probleme ebenfalls auflösen.
Auf diese Art und Weise führt fehlendes sexologisches Wissen zu einer Psychopathologisierung der KlientInnen, obwohl die Mehrheit von ihnen psychisch gesund ist.

Grundsätzlich werden auch im Sexocorporel die indirekten Kausalitäten evaluiert, da sie sexuelle Lernschritte behindern können und evt. einer spezialisierten Behandlung bedürfen. „Bekannt ist, dass sexuelle Störungen bei Personen mit psychischen Erkrankungen häufig sind.“

Zusammenfassend kann gesagt werden „ein Modell sexueller Gesundheit ist die Voraussetzung für eine getrennte Konzeption und Evaluation psychischer und sexueller Gesundheit. Diese Unterscheidung verhilft zu einer genaueren Diagnostik als Voraussetzung für ein therapeutisches Projekt.“

Hintergrund

Nachdem die WHO Voraussetzungen mentaler Gesundheit definiert hatte, beauftragte sie 1974/75 zwei Kommissionen, die sexuelle Gesundheit ebenfalls zu definieren. Das Ergebnis war:

  • „Sexuelle Gesundheit umfasst die Integration körperlicher, emotionaler, intellektueller und sozialer Aspekte des Sexualwesen Mensch im Sinne einer Bereicherung auf persönlicher Ebene wie auch von Kommunikation und Liebe.“

Diese Definition wurde bis heute immer weiter entwickelt, siehe dazu „Zur Förderung sexueller Gesundheit-Handlungsempfehlungen“, PAHO, WHO, WAS 2001.

Prof. Jean-Yves Desjardins entwickelte den Sexocorporel am Departement de sexologie de l’Universite`du Quebec in Montreal. Aufgrund von klinischen und wissenschaftlichen Untersuchungen erarbeitete er 1988 ein Modell sexueller Entwicklung und Funktionalität. Dieses Modell unterscheidet zwischen mentaler und sexueller Gesundheit des Menschen und umfasst alle Komponenten, die in der menschlichen Sexualität eine Rolle spielen. So besteht die Möglichkeit, die unterschiedlichen Anliegen von KlientInnen zu untersuchen und ihnen Fähigkeiten zu vermitteln, die eine Verbesserung ihrer sexuellen Gesundheit ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund ist die Aussage des Sexocorporel-Konzepts nachzuvollziehen „Sexualität ist eine menschliche Kompetenz, die wir erlernen und verbessern können.“