Wenn es im Bett bei Paaren nicht mehr klappt

Interview Neuss-Grevenbroicher Zeitung vom 15. August 2026

Frau Arntzen, warum kommen Paare zu Ihnen?

Gitta Arntzen Das ist sehr unterschiedlich. Wenn wir von Paaren sprechen, wendet sich eine größere Anzahl von Paaren mit Anfang oder Mitte 40 zu mir – in einer Lebensphase, in der die Kinder schon etwas älter sind. Es kommen aber auch Paare, die sich der Phase des Rentenbeginns nähern. In diesem Alter fragen sie sich „Passen meine Ziele und Vorstellungen noch zu denen meines Partners, meiner Partnerin?“

Was sind häufige Probleme dieser Paare?

Arntzen Ich möchte vorausschicken, dass meine Aussagen natürlich verallgemeinert sind und dieses Thema so breit aufgestellt ist, dass ich nur einen Teil der Probleme ansprechen kann. Im Verlauf einer längeren Partnerschaft wünschen Männer sich in ihrer Partnerschaft mehr Sexualität, während ihre Partnerinnen sich aus verschiedenen Gründen zurückgezogen haben.

Was sind Gründe dafür, dass es bei den Paaren im Bett nicht mehr funktioniert?

Arntzen Das hat viele Gründe. Fokussieren wir uns zunächst auf die Frau. Am Anfang einer Beziehung sind beide verliebt, die Begeisterung für den anderen und die Hormone beflügeln u.a. auch die Gestaltung ihrer Sexualität. Wird die Beziehung fester kommt auch der Alltag mit ins Spiel. Wenn aus einer Paarbeziehung eine Familie wird, übernimmt in der Regel die Frau, neben einer Berufstätigkeit den Hauptteil der Care-Arbeit. Sie ist emotional durch das Muttersein ausgefüllt und sexuell nicht mehr so ansprechbar, weil müde und erschöpft.

Das gilt nicht in dem Maße für ihren Partner. Ich erlebe ihn in der Regel verständnisvoll, allerdings geht mit der alltäglichen Routine und den steigenden Anforderungen beruflich und familiär die gemeinsame Paarzeit verloren. Das führt dazu, dass Männer sich nicht mehr begehrt und als Mann wahrgenommen fühlen … außerdem ist kein abseh-bares Ende dieser Phase in Sicht.

Es entstehen Missverständnisse, Kränkungen, körperliche Distanz, Streit – das Hamsterrad dreht sich … oft findet ein Paar aus diesem Karussell nicht mehr alleine heraus.

In einer späteren Lebensphase geht es in der Sexualität oft um eine Neuorientierung in der Beziehung, veränderte sexuelle Wünsche oder Notwendigkeiten aufgrund körperlicher und oder persönlicher Bedürfnisse.

Prägend für sexuelle Probleme der Paare ist u.a. auch die Art und Weise wie Männer und Frauen sich ab dem Kindesalter als sexuelles Wesen kennen lernen und ausprobieren durften und wie sie sich aktuell als sexuelles Wesen in ihrem Leben wahrnehmen.

Jungen erleben ihre Sexualität bereits im Kindesalter unmittelbarer. Ihr Geschlecht befindet sich außerhalb ihres Körpers, direkt sichtbar … sie bemerken erregende Reaktionen sofort. In unseren Vorstellungen ist es selbst-verständlich, dass Männer sexuelle Erfahrungen machen.

Für Mädchen ist ihr Geschlecht im Alltag nicht direkt wahrnehmbar … sie müssen sich bücken, um die Vulva von außen zu sehen, sie brauche einen Spiegel, um ihren inneren Bereich zu entdecken und positiven Zuspruch, um die Vagina von innen zu erforschen. Junge Frauen brauchen viel Erfahrung und seriösen Austausch um sich selbst als sexuelles Wesen kennen zu lernen. Aber wie schnell haben sie mit Vorurteilen und Einschränkungen zu kämpfen. Das Schimpfwort „Schlampe“ ist nur ein Beispiel.

Ich mache in meiner Praxis sehr häufig die Erfahrung, dass Frauen nicht über das notwendige sexuelle Basiswissen ihres Geschlechts verfügen und sich auf den „Prinzen auf dem Schimmel …“ verlassen. Das ist keine Beziehung auf Augenhöhe. Ein Mann kann nicht wissen, was diese Partnerin möchte. Sie muss ihm sagen, was sie will.

Immer noch ist die Vorstellung weit verbreitet, dass Männer verantwortlich sind für das sexuelle Glück ihre Partnerin. „Ich weiß, was Frauen brauchen … ich schenke ihr einen Orgasmus.“ Dabei ist es sinnvoll, dass beide aus persönlicher Erfahrung wissen, wie sie ihre sexuelle Erregung gestalten und sich darüber austauschen können. Wenn Frauen ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht benennen und einfordern können, überlassen sie das Feld auch den Erfahrungen, die Männer über Pornos machen.

Ist das so?

Arntzen der größte Anteil masturbierender Männer schaut Pornos … sie sind alltäglich geworden. Unbewusst setzen sich Meinungen zur weiblichen Sexualität fest. Tatsächlich sollen Pornos ihren Zweck erfüllen und verkauft werden. Sie sind keine Ratgeber sondern spiegeln erotische Phantasien, vor allem für Männern wider, und haben mit den sexuellen Bedürfnissen von Frauen nur wenig zu tun.

Ist Fremdgehen eine Konsequenz?

Arntzen Meine Klienten wollen ihre Beziehung nicht gefährden, wissen aber oft nicht weiter. Ich rate ihnen zunächst, zur Selbstfürsorge. Oft verliert die übliche Art zu masturbieren im Verlauf der Jahre seinen Reiz, weil es immer ähnlich mechanisch abläuft. Das muss nicht so sein. Ein Mann, das gilt auch für Frauen, kann den erotischen Kontakt zu sich selbst, aufmerksamer, sinnlicher, kreativer, langsamer und mit Genuss zelebrieren … Daneben ist es natürlich sinnvoll, mit der Partnerin wieder ins Gespräch zu kommen und eine Zukunftsvision zu entwickeln.

Wie bekommen Paare wieder Lust aufeinander?

Arntzen Zunächst kläre ich die Frage, ob sich beide noch anziehend finden und sich wünschen, wieder Sex mit einander zu erleben.

In der Regel ist es auch bei jeweils beiden sinnvoll, die eigene sexuelle Kompetenz zu verbessern oder zu vertiefen.

Wenn ein Paar lange keine Intimität mehr gelebt hat, fühlt sich eine sexuelle Begegnung zunächst überfordernd an. Aus diesem Grund rate ich zu einem „Rendezvous“. Das bedeutet, sich eine Stunde Zeit zu nehmen, in der sich das Paar nacheinander gegenseitig, ganz wichtig, ohne sexuelles Ziel aufeinander einlässt, verwöhnt, berührt, streichelt. Es ist erstaunlich, wie Paare sich wieder ohne Druck entdecken, annähern und ihre Partnerin/ihren Partner neu wahrnehmen.

Haben Sie noch einen weiteren Tipp?

Ja, es hört sich nicht romantisch oder leidenschaftlich an, aber es ist der Realität geschuldet. Wenn Paare sich sexuell begegnen wollen, sollten sie feste Termine vereinbaren … am Besten einen immer wieder kehrenden gleichen Termin. Wir pflegen Freundschaften auch in dem wir gemeinsam Termine vereinbaren … warum also nicht mit einem der wichtigsten Menschen in unserem Leben?